Diese Ängste gehen soweit, dass Menschen zu Hause oft wirklich schlechte Lebensqualitäten tolerieren. Mangelnde soziale Kontakte, Vereinsamung, mangelnde Sicherheit und inadäquate Medikamenten-, Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung werden in Kauf genommen nur um im gewohnten Umfeld bleiben zu können. Die Erfahrung zeigt, dass es nach Einzug in Pflegeheimen und damit einer Sicherung der oben genannten „Basics“, oftmals zu deutlichen Verbesserungen im Allgemeinzustand und im Befinden der Betroffenen kommt.
Neuere Betreuungsformen haben das klare Ziel so viel Lebensnormalität und Individualität zu ermöglichen wie nur möglich. Bewohner nehmen im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Tagesgestaltung selbst in die Hand, sollen aktiv mitbestimmen / mitgestalten, helfen bei der Hauswirtschaft mit etc… Die Betreuung und Pflege geschieht unterstützend und fördernd mit dem Ziel die Möglichkeiten des Einzelnen, seine Selbständigkeit so lange wie möglich zu erhalten. Die „Bedürfnisse“ der Institution werden hinterfragt und zu Gunsten der genannten Qualitäten zurückgestellt.
War es vor gar nicht langer Zeit noch verpönt auch nur über Haustiere oder Zimmerpflanzen nachzudenken, ist es heute Alltag. Litten Bewohner früher an Langeweile, Hilflosigkeit und Einsamkeit ist es heute klar dass man Möglichkeiten sinnvoller Beschäftigung und vor allem sozialen Lebens bietet. Vieles was früher durch die Institution vorgegeben wurde, wie strenge Besuchszeiten oder gar Ausgehverbote usw., gehört Gott sei Dank der Vergangenheit an.
Egal ob es sich um diverse Wohngruppenmodelle handelt oder um neue Denkansätze wie die Eden-alternative (www.eden-europe.net), Individualität und Alltagsnormalität heißen grob zusammengefasst die großen Ziele. Die Eden- alternative als ein sich weltweit verbreitendes Konzept, setzt sich sehr umfassend mit den Bedürfnissen älterer Menschen, bis hin zu seniorengerechter Architektur, auseinander.
Einrichtungen in der Altenbetreuung sind meiner Meinung nach aus mehreren Gründen gut beraten diese Entwicklungen mit zu tragen oder auch selbst zu betreiben. In erster Linie muss natürlich eine adäquate und zeitgemäße Versorgung unserer Kunden das Ziel sein. Aber ebenfalls nicht außer acht lassen darf man die sich verändernden Ansprüche sowohl unserer Klienten und Angehörigen als auch zukünftiger Mitarbeiter. Anbieter die hier „verschlafen“ und an den alten Strukturen festhalten, werden über kurz oder lang mit Auslastungsproblemen zu kämpfen haben und vielleicht nur darum überleben weil der Bedarf den Angeboten hinter her hinkt. Die Personalrekrutierung ist jetzt schon schwierig genug und gute Mitarbeiter werden sich immer weniger mit veralteten Strukturen oder schlechten Arbeitsbedingungen zufrieden geben. Davon bin ich überzeugt.
Jeder möchte so lange als möglich zu Hause versorgt sein. Das ist verständlich und nachvollziehbar. In der Zwischenzeit gibt es viele gute Versorgungsmöglichkeiten die dies auch lange ermöglichen. Es sollte aber klar sein das eine Versorgung zuhause immer wieder an Grenzen stößt und somit ein Umzug in stationäre Einrichtungen oft unumgänglich wird. Wichtig für einen Umzug wäre jedenfalls eine längerfristige Planung und damit die Möglichkeit für sich selbst oder für eine Vertrauensperson, die Institutionen die in Betracht kommen genau unter die Lupe zu nehmen. Leider ist das (noch) nicht die Regel und kommen der Großteil unserer Bewohner auf Grund eines akuten Ereignisses zu uns. Das dies die Situation insgesamt verschärft und den Stress für den Betroffenen deutlich erhöht ist klar.
Die Bedeutung der Betreuung älterer Menschen mit Pflegebedarf wird zukünftig stark steigen. Die Prognosen in der Bevölkerungsentwicklung sind eindrucksvoll. Die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft werden groß sein – das ist unbestritten.
Betrachtet man die hier aufgezeigten Szenarien, so erscheinen uns diese oft so weit entfernt und fast unreal. Dass aber die Menschen die z.B. im Jahre 2030 – 70, 80 oder 90 Jahre alt sein werden, heute bereits leben und somit eine sehr genaue Basis für diese Prognosen bieten, ist eine Tatsache. Das sollte uns und allen Entscheidungsträgern klar sein.
Um diese Entwicklungen gesellschaftlich bewältigen zu können und eine adäquate und leistbare Versorgung auch zukünftig zu ermöglichen, braucht es mit Sicherheit durchgängige und nachhaltige Konzepte. Von der Betreuung und Pflege zuhause, über betreute Wohnformen bis hin zu teilstationären und stationären Angeboten - auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen sehr genau abgestimmt.
Peter Kalman, Heim-Pflegedienstleiter
DGKP, akad. Gesundheitsmanager
