Lesen Sie hier das komplette Interview zur Ausbildung von Blinden-Führhunden, welches wir in der September-Ausgabe der Odilien-Zeitung leider nur gekürzt bringen konnten.
Führhunde finden auch Abkürzungen

In den vergangenen 17 Jahren bildete Maria Gerstmann aus Neudorfberg sogenannte „Blindenhunde“ aus. Jüngst konnte ein Führhund, wie er im Fachjargon heißt, übergeben werden. Was aber bedeutet es, einen Hund ausbilden zu lassen? Wir baten die Expertin, deren REHA-Hundeschule von der Internationalen Guidedogs Federation zertifiziert ist und nach den strengen Standards dieser ausbildet, zum Gespräch.
Vorweg: Was kostet die Ausbildung eines Hundes?
Die Ausbildung ist sehr komplex und kostet rund 30.000 Euro. Das klingt sehr viel, doch ein Tier, das die fast zweijährige Führhundausbildung durchläuft, ist dann für rund 8-10 Jahre im Einsatz. Pro Hund werden allein rund 7.000 Kilometer gefahren, um ihm verschiedene Orte, Wege und damit Situationen beizubringen. Menschen, die einen Führhund brauchen, sind oftmals auf die finanzielle Hilfe anderer angewiesen, da es keine reglementierte Förderung für sie gibt.
Welche Hunde sind geeignet, die Ausbildung zu durchlaufen?
Zunächst sind viele Rassen möglich, der Hund muss nur zum Bewegungsmuster der Person passen. Schäferhunde sind sehr anspruchsvoll und brauchen viel Bewegung, folglich muss sich auch der Hundehalter gerne bewegen. Ein Labrador, nur um ein anderes Beispiel zu nennen, braucht weniger Bewegung. Doch allein die Rasse macht einen Hund noch nicht zum geeigneten Führhund. Bereits im Alter von sechs Wochen wird eine erste Selektion der Welpen vorgenommen. Entscheidend ist auch ein Gesundheits-Check. Nur zwei von zehn Tieren sind überhaupt gesundheitlich geeignet. Die geeignet erscheinenden Hunde werden zu einer Patenfamilie gebracht und von einem Trainer begleitet. Im Rahmen dieses Programmes müssen Jungtiere kleine Übungen machen und verschiedene Situationen kennenlernen. Das geschieht spielerisch, ohne Druck, dennoch lernt das Tier viele unbekannte Einflüsse kennen. Nach einem Jahr findet ein Test in einer Großstadt wie Graz statt, um festzustellen, wie der Hund auf große Menschenmengen reagiert. Als Führhund muss das Tier gutmütig sein, verschiedensten Situationen wie z.B.: Mensch, Tier, Großstadt, Stressfaktoren usw. als ganz normal hinnehmen.

Wie sieht die spezielle Ausbildung dann aus?
Wenn der Hund in die Schule kommt, lernt er zunächst Grundlagen wie Geradeausgehen, Stehenbleiben, am Rand einer Straße bleiben, in Folge das Gehsteigehen, auf dem Gehsteig bleiben. Man muss sich vorstellen, dass der Hund das am Ende alles allein macht, also nicht geführt wird, da er ja führen soll. In einem Einkaufszentrum lernt er, nicht alles zu beschnüffeln, gegen schrille Geräusche resistent wird er beispielsweise in einem Spielzeuggeschäft, auch ungewöhnlich Bewegungen lernt er dort kennen.
Ungewöhnliche Bewegungen?
Ein Hund ist ein Bewegungsseher, das heißt, er erkennt zum Beispiel andere Tiere an ihrem Bewegungsmuster. Im Grunde sieht ein Hund ja schlecht, er kann Geschwindigkeiten und Entfernungen schlecht abschätzen, vergleichbar mit einem vierjährigen Kind, das Gefahr erkennt, aber nicht richtig einordnet. Deshalb ist das Mobilitätstraining für blinde Menschen wichtig – die beiden arbeiten am Ende als Team. Der Hund lernt nach den Grundlagen Treppen kennen, Türen, Lifte und zeigt in öffentlichen Verkehrsmitteln freie Plätze an. Wichtig sind auch Zebrastreifen. Solche werden nur erkannt, wenn sie im Training in möglichst vielen Kontexten auftauchen. Würden wir das nur an einem Ort trainieren, würde der Zebrastreifen als solcher nicht mehr erkannt werden. Einer der Gründe der vielen gefahrenen Kilometer. Die Kunst für den Hund ist es, Gefahren zu erkennen. Das ist ein wesentlicher Teil der Ausbildung, das Tier muss beispielsweise Rolltreppen verweigern, auch wenn es mit scharfem Kommando aufgefordert wird, diese zu betreten. Ebenso Abgründe wie Baugruben, Bahnsteigkanten und sonstige gefährliche Situationen für den sehbehinderten Hundeführer. Der Hund muss am Ende der Ausbildung Verantwortung übernehmen und eigene Entscheidungen treffen, um Gefahren zu vermeiden. Ebenso lernt er eine wichtige Anweisung: „Weg zurück!“ Wenn der blinde Mensch die Orientierung verloren hat, muss der Hund an den Ausgangspunkt zurückfinden. Oft finden Hunde auf demWeg zurück Routen, die kürzer sind als der Hinweg, da ihr Orientierungssinn so gut ausgebildet ist.
Wie viele Führhunde sind in diesem Moment in Österreich unterwegs?
Es dürftenan die 100 Hunde sein. Aus unserer Schule kommen rund 20 Tiere, derzeit bilden wir 5 Hunde aus.
Danke für das Gespräch!
FACTBOX
Ilztaler REHA-Hundeschule, Maria Gerstmann, Neudorfberg 78, 8211 Ilztal, 0676 530 76 78, gerstmann.m@gmx.at
